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| Lebenslauf von Dr. Paul Stadlin, von ihm persönlich verfasst RÜCKBLICK UND ABSCHIED Am 2. Oktober 1919 gebar meine liebe Mutter Elsa Stadlin aus dein Geschlechte Iten um die Mittagszeit einen gesunden Knaben und das war ich. Dies geschah im Hause Chamerstrasse 26 meines Vaters Paul Stadlin, Kaufmann, gelernter Müller und Direktor der Untermühle Zug. Meinen verehrten Eltern verdanke ich eine überaus günstige Kombination der Erbanlagen sowie eine verständnisvolle, gütig-strenge Erziehung. Beides hat meine Entwicklung nachhaltig gefördert. In der Umgebung am See verbrachte ich mit meinen Schwestern Elisabeth und Monica eine schöne Jugend und durchlief die Primarschule im «Neustadt» und die Sekundarschule (Latein) im «Burgbach». Dann folgte die Kantonsschule in der «Athene», die ich 1938 mit der Maturität abschloss. Schon damals wurde ich etwas mit dem Ernst des Lebens vertraut, als meine Eltern sich trennten und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auch in der Familie fühlbar wurden. Auf diese frühe Erfahrung geht mein nie bereuter Entschluss zurück, mich möglichst schnell auf eigene Füsse zu stellen und freier Rechtsanwalt zu werden, wobei mir das Beispiel meines Grossvaters Dr. Clemens Iten, voranleuchtete. Kaum hatte ich mit dem Jus-Studiumn begonnen, brach der zweite Weltkrieg aus. Von einer Velotour nach Holland und Belgien kehrte ich rasch zurück um den Tornister zu packen. Kurze Semester wechselten mit Militärdiensten, die ich mehr aus Einsicht in die Notwendigkeit als aus Begeisterung leistete. Ich verpasste den Offiziersvorschlag weil es mir an Ehrgeiz in dieser Richtung mangelte und ich Mühe bekundete, mich in einer hierarchisch aufgebauten Organisation hochzudienen. Meinem Naturell entsprach die Unabhängigkeit und die spätere Ernennung zum MiIitärrichter lag dann eher auf dieser Linie. Meine ganzen Kräfte konzentrierten sich indessen auf die berufliche Ausbildung und der Erfolg blieb nicht aus. So konnte ich 1943 mit der Dissertation «Die Befreiung des Bundes von der kantonalen Steuerhoheit» an der Universität Zürich zum Doktor promovieren. Da die Isolierung der Schweiz einen Auslandsaufenthalt verunmöglichte, wandte ich mich sofort der Praxis zu. Ich durfte bei meinem Onkel Dr. Werner E. Iten, als Auditor eintreten und erwarb 1944 das Anwaltspatent. Einen besseren und verständnisvolleren Chef als Dr. Werner E. Iten hätte ich mir gar nicht denken können. Ich war deshalb glücklich, als er mich 1945 als Juniorpartner aufnahm, was einen gelungenen Start bedeutete. Es war eine schöne und fruchtbare Zusammenarbeit bis zum Tode meines Mentors im Jahre 1960. Inzwischen hatte ich mich 1951 mit Charlotte Steiger aus St. Gallen verheiratet, die mir drei Töchter schenkte: Christa, Barbara und Franziska. Obwohl die Ehe sich weniger harmonisch gestaltete als wohl beide Beteiligten gewünscht hatten (das Ende war die Scheidung), blieb ich Charlotte für die Erziehung tier gut geratenen Töchter immer dankbar. Bei mir hatte sich so etwas wie eine «Midlifekrise» eingestellt, zu deren Überwindung beträchtlich der Umstand beitrug, dass ich meine neue Gefährtin fand: Nice Cornaccini. Sie hat enorm viel für mich getan, und ich durfte sie 1972 heimführen. Leider sollte die Verbindung nicht lange dauern, indem Nice mir am 30. Dezember 1973 durch einen Bootsunfall in Bangkok brutal entrissen wurde. Ein Schicksalsschlag, der mir sehr lange zu schaffen machte. Beruflich war ich mehr begünstigt. Ich führte das Büro meines Onkels weiter und verassoziierte mich dann mit Dr. Hans Rudolf Barth (1963) und später mit Dr. Rudolf Mosimann (1971), eine Partnerschaft, die sich glänzend bewährte und bis jetzt anhielt. Im Rahmen dieser bewährten Bürogemeinschaft seien auch nicht vergessen der Junior-Kollege Dr. Martin Neese und die sich folgenden Sekretärinnen, besonders nicht die über 50 Jahre hochgeschätzte Mitarbeit von Frau Martha Leibacher-Weiss. Ich bekenne offen, dass mich Politik genuin interessierte, weshalb ich mich in der FDP des Kantons Zug und der Stadt Zug zu engagieren begann. In der Auseinandersetzung zwischen den sogenannten Alt- und Jungfreisinnigen zu Anfang der 50er Jahren standen meine Sympathien bei den Ersten. 1959 wurde ich in den Kantonsrat gewählt, dem ich 28 Jahre angehören durfte. Ich hatte die Ehre, ihn 1977/78 zu präsidieren. Für mich enttäuschend verlief jedoch meine Kandidatur für den Nationalrat im Jahre 1967. Die Niederlage ging mir in die Knochen und ich konnte mich erst allmählich davon lösen. Auf dreissig Jahre zurückblickend, finde ich freilich, dass ein Parlamentsmandat in Bern mich wohl in anderen, mir wichtig scheinenden Aufgaben (besonders familiären und sozialen) stark eingeengt und mir zu viele intellektuelle Opfer abverlangt hätte. Das wäre der Revers einer Medaille gewesen, die man damals mehr von der Vorderseite anschaute. Später, als es mir im Alter von bereits 71 Jahren – gewissermassen im Alleingang – noch gelang, das Werk «Die Parlamente der schweizerischen Kantone» herauszugeben, durfte ich das als schöne Erfüllung meiner staatspolitisch-publizistischen Neigungen betrachten. Ein wesentliches Element meiner Anwaltstätigkeit war die Ausrichtung auf die Wirtschaft und das Verständnis für ihre Zusammenhänge. So stellte ich mich als Geschäftsführer des Vereins Schweizerischer Metallwarenfabrikanten zur Verfügung und habe in der Folge dann auch 10 Jahre das Präsidium dieses Verbandes bekleidet. Dazu gesellte sich die Mitwirkung im Verwaltungsrat verschiedener Firmen – schweizerischer und ausländischer – bei welcher Tätigkeit ich bedeutende Persönlichkeiten kennen lernte und Freunde fürs Leben gewinnen durfte. Dies hatte einen für mich sehr willkommenen Nebeneffekt, indem es mir zu Reisen und zur Anwendung meiner Sprachkenntnisse verhalf. Als ich mit den Jahren etwas reifer wurde, fragte ich mich mehr als früher nach meinem Standort hienieden und unter den Menschen. Ich glaubte, ihn in einer gewissen Mitte gefunden zu haben: zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Regungen des Herzens und der Freiheit des Denkens. In dieser Position richtete ich meine Beziehungen ein und war allen Extremen abhold, was mir zudem erleichterte, an flotten Tagen nicht übermütig zu werden und an dunklen nicht allzu verzagt. Primär suchte ich als Anwalt nach gütlichen Lösungen und bestätigte mich als Konkordanz-Politiker, der sich aber dann stellte, wenn es um Grundwerte ging oder die Abwehr von Gewalt, physischer und psychischer. Tolerant und konziliant zu sein bedeutete für mich aber nicht die undifferenzierte Aufgabe von eigenen Standpunkten, sondern die Fähigkeit, nah dem Dissens vernünftig weiter zu leben, oft bis die Zeit selbst den Gegensatz entschärfte. Die Arbeit nahm in meinem Leben stets einen Ehrenplatz ein. Da sie zwar gross, aber meist abwechslungsreich war, empfand ich sie nicht als Last, sondern als Segen. Die damit verbundene dauernde Motivation glich einem Ackerboden, der freilich in Abständen durch emotionelle Aufwallungen gepflügt werden musste, um fruchtbar zu sein. Darauf konnte dann buchstäblich alles wachsen, von der behaglichen Musse über Phasen der Kreativität bis zur vorübergehenden inneren Zerrissenheit. Mit solch einem Dispositiv bin ich recht gut gefahren, obwohl natürlich auch mir unzählige Schnitzer, Fehleinschätzungen und Versäumnisse unterliefen, für die ich diejenigen um Verzeihung bitte, die darunter zu leiden hazten. Aus einem wirklichen Bedürfnis entsprang mein Einsatz für gemeinnützige, soziale und kulturelle Werke. Dieser bildete für mich ein Kontrastprogramm und brachte den seelischen Ausgleich gegenüber meiner geschäftlichen Aktivität. Ich erwähne das Kinderdorf Pestalozzi und die Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug. Mehr im Zeichen der gesellschaftlichen Integration und der Geselligkeit standen meine Mitgliedschaft beim Rotary Club Zug und bei der Zunft der Müller, Bäcker und Zuckerbäcker. Dann die Literarische Gesellschaft: sie möge als Symbol genommen werden für etwas, das ich stets besonders gerne tat: lesen und schreiben. Ich weiss, dass mir all dies, wie auch der Samstagskaffee mit den Freunden, der Blick auf den See und das Wohnen in der Altstadt fehlen werden; und noch mehr natürlich der Kontakt zu meinen lieben Töchtern und Enkeln, zu meinen Stieftöchtern und Schwiegersöhnen, sowie zu einzelnen wertvollen Menschen die mir in den letzten Jahren besonders nahe standen. Und jetzt verlasse ich diese Welt. Habt alle Dank, die ihr mich mochtet, die ihr nachsichtig zu mir gewesen seid, oder auch kritisch. Nehmt meinen Tod als etwas Naturgegebenes, als Tropfen, der das Meer erreicht. Gefasst und still ziehe ich von dannen. Doch wohin geht die Reise? Ich weiss es nicht und es bleibt mir einzig der Versuch, mich an mögliche Szenarien sehr sachte heranzutasten. Die heiligen Schriften sind oft dunkel und widersprüchlich. Manche Lehrmeinung erweist sich als fragwürdig, sei es dass sie den wissenschaftlichen Erkenntnissen nachhinkt oder allzu sehr als Disziplinierungsmittel der «Herde» gegenüber ausgestaltet wird. Das hat mich dazu gebracht, die Glaubensinhalte, so weit ich sie zu erfassen vermochte, auf einen Kernbestand zurückzuführen: Die Existenz des Schöpfers mit all seinen Attributen So wurde mir der Glaube zur Ahnung und zum vertrauensbildenden Element: dass es eine göttliche Vorsehung gebe, die dem Menschen wohl will; dass diese die abgeschiedenen Seelen sinnvoll einzuordnen weiss, ihnen vielleicht Gelegenheit zur «Nachbesserung» bietet, indem sie ihnen neue Aufgaben überträgt. GOTT IST DER ORIENT
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