Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug (GGZ)
  
Persönlichkeiten der GGZ
  
von 1884 bis 1984 (Zuger Neujahrsblatt 1984)
  
von Andreas Iten
Vielleicht gehen wir einer Zeit entgegen, die wieder etwas mehr Wert auf das Wirken bedeutender Persönlichkeiten legt. Nachdem – einer Modeströmung folgend – die Geschichte eher als soziologischer Prozess, in dem das Individuum untertaucht, aufgefasst wurde, tritt, angeregt durch zahlreiche Ereignisse – auch negative – wieder ins Bewusstsein, wie stark der einzelne sie mitgestaltet. Das bemerkt man vorzüglich, wenn man die Geschichte der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug studiert. Sie ist in hohem Masse von überragenden Persönlichkeiten geprägt worden, die ihr letztlich auch das Niveau, die Reputation und den Erfolg einbrachten. Hier sollen fünf Persönlichkeiten kurz porträtiert werden.

Pfarrer Alois Staub 1822 bis 1909
Stellen Sie sich die mächtige neugotische Kirche von Unterägeri vor, die quer zum Tal steht und sich breit zeigt, betrachten Sie den stabilen Kirchturm und die schlanke Spitze mit den zwei goldenen Kugeln und dem Wetterzeichen auf stolzer Höhe und denken Sie dann an den tatkräftigen Miterbauer dieses Gotteshauses, an Alois Staub, dann erahnen Sie etwas vom Geist, der diesen Mann erfüllte. Der Turm ist wie das Zeichen des weithin sichtbaren Strebens dieses Pfarrherrn, der von 1855 an bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein Talgeschichte machte. Als Alois Staub verstorben war, hiess es allgemein: «Ein wahrhaft bedeutender Mann ist von uns gegangen.» Im Nachruf ist zu lesen: «Mit ihm ging eine alte Zeit, eine ganz bestimmte Geist- und Zeitrichtung dahin; ein grosses Stück interessanter, heimatlicher und kirchlicher Geschichte verschwindet mit ihm von der Bildfläche.» Alois Staub war mit Landammann Alois Schwerzmann (1826–1898) eng befreundet. Von beiden schrieb der Verfasser des Nekrologs: «Diese beiden Männer, gleich hervorragend durch Geist und Tüchtigkeit im Beruf, waren in gewissem Sinne die geistigen Leiter von Staat und Kirche in unserem Kanton während mehrerer Jahrzehnte.»
     Alois Staub war mehr als 60 Jahre lang Priester. Er zeichnete sich durch einen unerhörten Fleiss und eine nie erlahmende Arbeitskraft aus. Er predigte sehr klar und verständlich. Er geisselte auch freimütig Übelstände, die er etwa in seiner Pfarrei auftauchen sah. Seine Arbeit zeichnete sich durch Pünktlichkeit, Genauigkeit und Raschheit der Erledigung aus. Im Nachruf, der nicht unterzeichnet ist, aber von einem Mann geschrieben sein muss, der Alois Staub sehr gut kannte, trifft man an verschiedenen Stellen auf die Formulierung, dass der Verstorbene «einer gewissen geistigen Richtung» angehörte, die, weil sie eher im bedauerlichen Ton gehalten ist, offenbar nicht in das Konzept des Schreibers passte. Nennen wir es beim Namen: Alois Staub war ein Liberaler. Sein Studiengang, der ihn an die Hochschulen von Luzern, München und Freiburg im Breisgau führte, brachte ihn mit den Zeitideen und den grossen skeptischen Philosophen und Theologen in Berührung. Kants Philosophie erstrahlte im vollen Licht. Und wer einmal in den Bann dieses Mannes, der die drei grossen Kritiken verfasste, geriet, kam von ihm nicht wieder los, auch wenn er im Ägerital Pfarrer war.
     Alois Staub war kein Alltagsmensch. Er wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Eltern waren arbeitsame Leute, geprägt durch die Feldarbeit und tief verwurzelt im religiösen Volksleben. Beim Klang der Glocken legten sie die Werkzeuge nieder, entblössten das Haupt und verharrten für Augenblicke in frommer Anbetung. Die Lateinschule seiner Heimatgemeinde ermöglichte ihm den Sprung in die akademische Laufbahn, die er in allen Phasen mit den besten Noten meisterte.
     Alois Staub wurde 1822 in Menzingen geboren, studierte in Zug und besuchte nachher die bereits erwähnten Universitäten. 1846 erfolgte die Priesterweihe. Noch am gleichen Tag marschierte er von Solothurn nach Zug und nahm anderntags morgens sieben Uhr seine Tätigkeit auf, zuerst als Primarlehrer, dann von 1849 an als Lehrer für Deutsch und Rhetorik am Gymnasium. Zehn Jahre lang war er Priester in Zug und las jeden Morgen um vier Uhr die Messe in St. Oswald.
     1855 wurde er zum Pfarrer von Unterägeri gewählt und half dann mit, die neue Kirche in den Jahren 1857 bis 1860 zu bauen. Er blieb 55 Jahre lang ununterbrochen geschätzter Pfarrherr.
     1860 wurde er Erziehungsrat. Er zeichnete sich durch verschiedene Referate über das Schulwesen aus und tadelte anlässlich der Jahresversammlung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft in Zug 1880 die Missstände in der Volksbildung. Er war selbst in verschiedenen Kommissionen des Erziehungsrates tätig und jahrelang Präsident der kantonalen Aufsichtskommission. Als Mitglied des Erziehungsrates visitierte und inspizierte er die Schulen, verfasste Lesebücher und einen Lehrplan für die Primarschulen.
     Alois Staub war Domherr und Dekan. Er wurde Gründungsmitglied der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug und ihr erster Präsident von 1884 bis 1904. Er verfasste in dieser Eigenschaft humorvolle und historisch interessante Jahresberichte und kleidete seine Gedanken in eine sehr gewählte Sprache, die auch seinen offenen Geist und seine freiheitliche Denkensart bezeugen.
     1904 wurde er von Meinrad Iten porträtiert. Das Bild zeigt den Mann im hohen Alter. Es strahlt etwas von der inneren Strenge und dem Ernst dieses Menschen aus. Die durchdringenden, prüfenden Augen und die feine Lineatur der Mundpartie charakterisieren ihn vortrefflich. Alois Staub starb im hohen Alter von 87 Jahren, nachdem er noch rüstig als 85iger die heilige Messe las.

Dr. med. und Dr. h. c. Josef Hürlimann 1851 bis 1911
Eine andere starke, markante und begeisterungsfähige Persönlichkeit war der Unterägerer Arzt Josef Hürlimann. Sein Vater zog 1846 von Walchwil, wo er 24 Jahre Gemeindepräsident war, nach Unterägeri als Buchhalter der Spinnereien Ägeri. Seinem Vater hatte Josef viel zu verdanken, denn er war ein «gebildeter Mann, ein vortrefflicher Historiker und ein grosser Naturfreund». Der Vater, der Ehrenbürger von Unterägeri wurde, liebte nach den Worten Josefs das Ägerital «mit einer Treue und Stärke, die man Andacht nennen könnte». Um Josefs spätere Leistung und seinen Kampf verstehen zu können, muss man auf seine glückliche Kindheit zurückgreifen und sehen, wie sie ihn formte: «Fast jeden Sonntagnachmittag wanderten wir mit dem guten Vater über Berg und Tal. Was er uns auf diesen Wanderungen geboten hatte, war eine Fülle von geschichtlichen, naturwissenschaftlichen und geographischen Belehrungen... Schwer beladen mit Steinen und Pflanzen und in Feststimmung kehrten wir stets nach Hause zurück...»
     Josef Hürlimann besuchte in Unterägeri die Primar- und die Sekundarschule, wechselte dann in die zweite Klasse der Zuger Industrieschule, liess sich in Latein unterrichten und begann mit 17Jahren das Medizinstudium in Zürich. Nach Abschluss der Vorstudien begab er sich nach Wien zur Weiterbildung und reiste nach Monaten über Triest, Venedig und Mailand nach Unterägeri zurück. Er schloss sein Studium in Zürich ab und begann mit 22 Jahren seine ärztliche Tätigkeit im Ägerital an einer Kuranstalt. Er dehnte sukzessive seine Praxis gewaltig aus und behandelte auch Patienten in Menzingen, Hütten, Walchwil, Sattel und Rothenthurm.
     Josef Hürlimann schonte seine Kräfte nicht und arbeitete bis zur völligen Erschöpfung. Sie zwang ihn, 1880 im Rigi-Klösterli zu kuren. Hier, fernab vom Getriebe seiner Praxis, erholte er sich rasch und kehrte mit vielen Ideen und grossem Tatendrang ins Tal zurück.
     Kaum zu Hause, begann er seine Pläne zu verwirklichen. Er eröffnete 1881 eine Kuranstalt (Theresiaheim), die kranke Kinder nach neuen Methoden und Grundsätzen behandeln sollte. Sie war sehr erfolgreich und bald international bekannt. Später beschrieb er seine Erfahrungen, die er an über 3000 bettlägerigen Kindern gemacht hatte, in der Schrift «Zwanzig Jahre im Dienste der Kinderpflege und der Kindererziehung». 1885 wurde er zum Mitbegründer der Zürcher Kinderheilstätte am Erliberg und später auch des «Heimeli».
     Josef Hürlimanns Engagement für die Öffentlichkeit war gewaltig, das Spektrum seiner Arbeit sehr gross. Er machte Vorschläge zur Hebung der Volkskraft, bekämpfte heftig den Alkoholismus, verbreitete in Broschüren Ideen über die Gesundheitspflege, geisselte die Schattenseiten und Missstände der Volksschule und wurde ein Pionier in der Heilung der Kinder von Tuberkulose. Als Rufer und Streiter stand er in vorderster Front. Dafür verlieh ihm die Universität Basel 1901 den Doktortitel ehrenhalber.
     Josef Hürlimann war ab 1887 Vorstandsmitglied der GGZ, von 1904 bis 1908 deren Präsident und in dieser Eigenschaft der unentwegte Förderer des «Zuger Neujahrsblattes». Er bekleidete zahlreiche öffentliche Ämter. So war er liberaler Kantons-, Sanitäts- und Erziehungsrat. Er amtete als Oberrichter und war kurze Zeit auch Präsident des Obergerichts. Von 1879 bis 1883 stand er der Ärztegesellschaft vor.
     In den 25 Jahren seiner Präsidentschaft im Unterägerer Kurverein setzte er sich energisch für die Bahnverbindung Zug-Ägeri ein, und ebenso imposant ist sein Kampf um den Standort des Morgartendenkmals. Seine Schriften von 1905, 1906 und 1911 sind heute noch lesenswerte zeitgenössische Dokumente. Josef Hürlimann studierte die Abflussverhältnisse der Lorze aus dem Ägerisee und wies nach, dass das Lorzengebiet, soll es nicht die Gesundheit schädigen, noch trockener gelegt werden müsse.
     Josef Hürlimann war ein Mann des totalen Engagements. Wenn er sich einer Sache annahm, so tat er es mit höchstem Einsatz und mit grosser Sachkenntnis. Dies spürt man, wenn man einen Satz aus seiner Anti-Alkohol-Kampagne liest: «Wenn ich alles das bedenke, was der Alkohol verursacht, so ist es mir, als müsste ich zum Äussersten schreiten, meinen Beruf aufgeben, alles verlassen, einen heiligen Kreuzzug beginnen und aller Welt zurufen: Hütet euch vor diesem Feind der Menschheit!»

Dr. med. Fritz Imbach 1870 bis 1932
Wenn wir gewisse Dienstleistungen heute wie selbstverständlich beanspruchen, so vergessen wir gerne, dass sie der Tatkraft von Persönlichkeiten zu verdanken sind, die weit über ihren beruflichen Kreis hinaus selbstlos wirkten. Ein Mann, der mit unbeugsamer Energie Werke für die Allgemeinheit vollbrachte, war der Arzt Dr. Fritz Imbach. Noch kurz vor seinem Tode sagte er: «Es ist unsere Pflicht, zu arbeiten, so lange wir können.» Diese Auffassung der unermüdlichen Pflichterfüllung war begründet in einem Lebensbegriff, der aus der Beobachtung der immer tätigen, wirkenden Natur entwickelt wurde. Fritz Imbach betrachtete sie mit wissenschaftlicher Genauigkeit und verfolgte intensiv ihre geheimen Heilabsichten. Die Gesetze der allwaltenden Natur gaben ihm diese Massstäbe für sein Wirken als Chirurg am Zuger Bürgerspital. Und darin, dass er in Grenzen an die eigene Heilkraft des Organischen glaubte, war er ein sehr moderner Arzt. Heute nämlich erkennen wir, dass zahlreiche Fehlentwicklungen des Lebens darin ihren Ursprung haben, dass der Mensch dem eigenen Organempfinden nicht mehr vertraut.
     Für die Zeitgenossen bestach Fritz Imbach durch die Einheit seines Wesens, durch die vertiefte und konzentrierte Wirkkraft und durch die Geschlossenheit seiner Anlagen. Philipp Etter nannte ihn «eine gewaltige Führernatur von seltener Begabung, der auf grosse Sicht und in einem weiten Blickfeld» handelte. Als Führer stattete ihn das Gewicht seiner Leistung im Dienste der Nächsten mit grosser Autorität aus. Lassen wir, damit diese Aussagen nicht hohl bleiben, seine Werke sprechen.
     Er war 33 Jahre lang Arzt in Zug und von 1906 an Chefarzt am Bürgerspital. Daneben führte er eine eigene Praxis. Er gehörte dem Erziehungsrat und der städtischen Schulkommission an. Von 1920 bis zu seinem Tode präsidierte er die Gemeinnützige Gesellschaft und wirkte auch in der schweizerischen als Mitglied der Zentralkommission mit. Sein Name bleibt auf immer mit dem Bau des Sanatoriums Adelheid in Unterägeri, mit dem Neubau des «Heimeli» und mit der Errichtung der Waldschule Horbach verbunden. Diesen grossen Werken, die fortdauernd von seiner Initiative zeugen, gesellen sich noch viele andere hinzu, die mehr auf ideellem Gebiet liegen. So gründete er etwa die Frauenliga gegen die Tuberkulose. Er, der Tierarztsohn aus Buttisholz, war auch Präsident der Zuger Ärztegesellschaft und brillierte vor seinen Kollegen mit ausgezeichneten Vorträgen. Die Wahl seiner Themen zeigt, dass ihn das soziale und das sozialethische Denken sehr beschäftigte. So wies er etwa auf die Bedeutung der staatlichen Krankenfürsorge und auf die Aufgaben der Schulärzte hin. Er war es auch, der am Bürgerspital die erste unentgeltliche Gebärabteilung einrichtete. Sein Wirken tendierte dahin, die vorbeugende Krankenpflege auszudehnen und ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Bei all dieser Engagiertheit lobte seine Frau in einem Brief die stets gute Laune ihres Mannes und wies darauf hin, dass er der Familie gegenüber nie unfreundlich oder gleichgültig gewesen sei.
     Der Empirist Fritz Imbach verurteilte, was ihm geistig verstiegen schien. Es reizte ihn zum Widerspruch. Dabei besass er für die zahlreichen Gefechte, die er austrug, eine feine, saubere Klinge. Das war es, was ihm auch die Achtung des politischen Gegners eintrug. Robert Walser sagte einmal, Politik fange dort an, wo die Empfindlichkeit überwunden sei. Diesem hohen Ethos genügte Fritz Imbach. Das bestätigte Theodor Hafner mit einem Satz im Neujahrsblatt 1933: «Da Dr. Imbach auch bei klarer Verfechtung seines Standpunktes stets die Form zu wahren sich mühte, blieb auch dem Gegner immer die Möglichkeit, sich mit ihm im gemeinsamen Sachgebiet wieder zu finden.»
     Das Bild dieses bedeutenden Mannes, der mit dem Einsatz aller Kräfte auf ein einmal für richtig erkanntes Ziel hinarbeitete, wäre unvollkommen, würde man nicht den menschlichen Charme, die Güte und die Geduld dem leidenden Menschen, aber auch die beruhigende Ermutigung dem Schüler und dem Assistenten gegenüber hervorheben. Seine unaufdringliche Gemütlichkeit und seine versteckte Schalkhaftigkeit erlebten seine Freunde als grosse Wohltat. Diese Eigenschaften leben übrigens in seinem Sohn Robert weiter. Auch er war Präsident der Gemeinnützigen Gesellschaft und dehnte sein Wirken weit über den Kreis seines Arztberufes aus.

Dr. iur. Werner E. Iten 1890 bis 1960
In der Stadtbibliothek befindet sich «ein Begleitwort zu Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit» aus der Feder von Werner E. Iten. Der Titel «Begleitwort» klingt bescheiden, ist der Aufsatz doch vielmehr eine konzentrierte, klare Einführung in das philosophische Werk Schopenhauers. Der Verfasser schreibt zu Beginn: «Schopenhauer ist einer der wenigen Philosophen, der ohne Kommentar gemeiniglich verstanden werden kann.» Der Leser stutzt. Schopenhauers Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» ist doch recht anspruchsvoll und nicht eben leicht zu lesen. Die Abhandlung zeigt dann aber, wie überlegen der Verfasser mit der Theorie des Philosophen zurechtkommt, wie knapp und prägnant er sie erklärt und wie er sie kritisch in die Schranken weist. Werner E. Iten lobt den Philosophen zwar wegen seines Stils und seiner anregenden Auseinandersetzung mit der Realität, er folgt seinem Pessimismus aber nicht. Schopenhauer begreife die Welt aus grosser Distanz nur als ein Leiden. Er habe es – nach dem Autor zu Unrecht – abgelehnt, die Hoffnung als ein Element seiner Lebensweisheit zu akzeptieren und bleibe deshalb in der Negation stecken.
     Der Aufsatz, den er zur Weihnachtszeit 1919 schrieb, mutet an wie die Begründung seiner Motivation für das grosse humanitäre und soziale Wirken, dem er sich widmen sollte. Die Wirtschaft unseres Kantons bot dem jungen glänzenden Juristen ein angemessenes Betätigungsfeld. Er wurde im Lauf der Jahre Verwaltungsrat der Metallwaren-Holding AG, der Verzinkerei Zug AG, der Kistenfabrik AG und der Untermühle Zug AG. Sein persönliches Engagement war jedoch viel umfassender. Er wollte bewusst auch Anwalt der Armen, Schwachen, Bedrängten sein. Ja, er brauchte diesen Einsatz für die Mitmenschen auf der Schattenseite des Daseins zu seinem seelischen Ausgleich. So kamen sie oft des Abends auf sein Büro, und er hörte ihnen – die «Turmac brun» zwischen den Fingern – zunächst einmal geduldig zu. Seine aus Lebenserfahrung, Wohlwollen und Klugheit geborenen Ratschläge zielten meist auf eine Begütigung. Er konnte aber auch sehr energisch und kämpferisch sein, wenn er auf Ungerechtigkeit und Unverschämtheit stiess. Hans Straub sagte von ihm im Nachruf: «Es darf hier hervorgehoben werden, dass es vor allem seinem Einfluss zu verdanken ist, dass sich die zugerische Industrie in zunehmendem Masse auch ihrer gemeinnützigen und kulturellen Aufgaben bewusst wurde, die ihr zu lösen aufgegeben waren und noch sind.»
     Nach Studien in Zürich und Bern schloss Werner E. Iten 1914 mit dem Doktorat ab und hielt sich darauf während des Ersten Weltkrieges als Honorar-Attaché in der Schweizerischen Botschaft in London auf, womit seine Vorliebe für das Angelsächsische und seine perfekte Beherrschung der englischen Sprache wesentlich zusammenhingen. Seine 1919 eröffnete Anwaltspraxis reichte in der Folge weit über den Kanton Zug hinaus. Beispiele hierfür seien seine beratende Tätigkeit im Oscar-Weber-/ Neue-Warenhaus-Konzern und seine Geschäftsführung im Verein Schweizerischer Metallwarenfabrikanten, in welchem er während 15 Jahren das Präsidium bekleidete. Auf ausgedehnten Reisen begegnete er den Kulturen anderer Länder. Vorträge und Essays – so über Ravenna, München und die «Nordische Seele» – sind Niederschlag dieser Jahre.
     Seine öffentliche Tätigkeit brachte ihn in den Kantonsrat und in zahlreiche städtische und kantonale Kommissionen. Unter anderem war er Präsident der kantonalen Schutzaufsicht und Mitglied der Anwaltsprüfungskommission. Im Mittelpunkt aber stand sein Wirken für die Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug, der er ab 1920 als Vorstandsmitglied, ab 1932 bis zu seinem Tod als Präsident mit Hingebung diente. In seine Amtszeit fiel der Bau des «neuen Heimeli». Er verhalf der Zuger Kunstgesellschaft zu einem raschen Aufblühen. Besonders am Herzen lag ihm die Sektion Rossberg SAC, die er souverän leitete. Der Erwerb des Bärenfangs und die Errichtung der Clubhütte sowie der Neubau der Sustlihütte sind mit seinem Namen verbunden. Bei der Trauerfeier sagte denn auch Herr Ernst Freimann vom SAC treffend: «Dr. Werner Iten hat diese Leistung vollbracht aus dem unerschöpflichen Quell seiner reichen Persönlichkeit, der wirklich nichts Menschliches fremd war. Diesem Reichtum gemäss hat er immer Positives geschaffen, Negatives überwunden; nie hat er abgebaut, eingeschränkt, immer hat er Schranken niedergelegt, Zäune abgerissen, Türen und Fenster aufgetan. Zu verkleinern, zu liquidieren war nie seine Sache; Neues zu bauen, Gewachsenes zu pflegen, Erworbenes zu halten, Geschehenes zu bejahen, stets sein Anliegen.»
     Vielleicht das Erstaunlichste an der vielseitigen und nicht leicht zu ergründenden Wesensart von Dr. Werner E. Iten war die Tatsache, dass ambivalente Strömungen sein Charakterbild nicht trübten, sondern steigerten und abrundeten. In seiner Spätzeit entwickelte er – unter Wahrung seiner geistigen Präsenz – Züge eines echten Originals. Freidenkertum und Gläubigkeit schlossen sich bei ihm nicht aus. Es mochte ein kritischer, verhaltener Glaube gewesen sein, aber gerade deshalb ein solcher von grosser Tiefe und aus der Demut vor Gott und Schöpfung heraus, die sein ganzen Handeln prägte.

Paul Henggeler 1898 bis 1980
Paul Henggeler war vom 1. Januar 1931 bis zu seiner Pensionierung im Juni 1970 Sekretär der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug und nachher noch einige Jahre Vorstandsmitglied. Was dies heisst, kann nur ermessen, wer die Tätigkeit eines Sekretärs genau kennt. Gute Sekretäre, das soll hier bildlich mit Organfunktionen veranschaulicht werden, sind die Seele, also das innere Gestaltprinzip, das Herz, das wir gerne symbolisch für das Gemüt setzen, die Niere, die alle Schadstoffe ausscheidet und die Hände, die mit selbstverständlichem Einsatz alles aufgreifen und erledigen, was der Kopf oder die Köpfe befehlen und durchgeführt haben wollen. Wer sich erinnert, dass die führenden Männer, unter denen Paul Henggeler arbeitete, Fritz Imbach, Werner E. Iten und Robert Imbach waren, kann sofort erkennen, was das heisst. Der Sekretär aber konnte nicht einfach irgend jemand, sondern er musste in gewissem Sinne ein kongenialer sein und dies mit mehreren Organen. Zwar gehorchen weder das Herz noch die Niere dem Kopf, aber sie müssen eine gesunde Konstitution haben, soll der ganze Organismus funktionieren. Die Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug mit ihren grossen Werken und Aufgaben ist ein sehr weitverzweigtes Sozialsystem, das kräftige Organe braucht. Zugegeben, die Seele wird auch vom Kopf geformt, aber sie formt ihrerseits auch den Kopf. Hier bedingen sich in polarer Wechselwirkung, in Zug und Gegenzug Innen und Aussen.
     Aus allen Unterlagen geht hervor, dass Paul Henggeler geradezu der ideale Sekretär der Gemeinnützigen Gesellschaft war. Seine unermüdliche Emsigkeit und die Promptheit, mit der er die Beschlüsse des Vorstandes vollzog, bezeugen seine nie erlahmende Hand. Der Umgang mit Hilfesuchenden, mit Mitarbeitern der Gesellschaft und mit Vorgesetzten lassen ein nobles Herz erkennen. Robert Imbach formulierte diese Tatsache mit den Worten: «Eine vornehme Zurückhaltung, gepaart mit herzlich-freundlichem Entgegenkommen, kennzeichnete jede Begegnung, – gleichgültig, ob es sich um eine Unterredung mit einem Darlehensnehmer, um eine Diskussion im Kreise des Vorstandes oder im Freundeskreis handelte. In glücklicher Weise wirkten sich seine Umgangsformen in der Personalführung im allgemeinen und bei Konfliktsituationen im speziellen aus. Die Entwirrung wirklicher oder vermeintlicher Knoten waren seiner ausgewogenen Ausdrucksweise und dem fühlbaren Wohlwollen zu danken.» In diesem Zitat ist auch sehr feinsinnig auf die Nierenfunktion des Sekretariats hingewiesen.
     Wer vier Jahrzehnte einen Umgang mit Leuten pflegt, die in humanitären, sozialen und kulturellen Bereichen Ausserordentliches leisten, ohne dass er ein Statist sein will, muss einiges an Wissen, Können und Erfahrung mitbringen. Paul Henggeler, der in Zug geboren wurde, die Handelsschule in Neuenburg absolvierte und 1920 für vier Jahre nach Turin übersiedelte, wo er in einer Bank arbeitete und nebenbei Sprache, Kultur und Italianita im Piemont studierte, war mit diesen Voraussetzungen ein guter Gesprächspartner für Werner E. Iten. Er selbst war ja der Kultur des südlichen Nachbarlandes sehr zugetan. 1924 brachte für Paul Henggeler eine Wende, die ihn gesundheitlich niederwarf und zu einer längeren Kur im Sanatorium Adelheid zwang. Diesen Schicksalsschlag fasste der Erkrankte aber nicht als Niederlage, sondern als Chance auf. Er begann, soweit es die Kräfte erlaubten, allgemeinbildende und fachwissenschaftliche Literatur zu studieren. Robert Imbach schreibt darüber: «Seine schon früher beachtliche Bildung erfuhr dadurch eine weitere Bereicherung. In der Retrospektive erscheint die Zeit der Krankheit und langsamen Wiedergenesung als eine Epoche der Reifung.»
     Der Sekretär der Gemeinnützigen Gesellschaft hatte mit den grossen Sozialwerken «Adelheid», «Heimeli» und «Horbach» eine grosse administrative Arbeit zu bewältigen. Dazu kamen weitere Engagements der Gesellschaft, die in den Kurzporträts der Präsidenten bislang nicht erwähnt wurden. Viel Arbeit gab die Eigenheimförderung, die Sorge um die Freizeitwerkstätten, die Kinderspielplätze und die Vorbereitung zur Gründung des Gemeinschaftszentrums Loreto. Denken wir auch an die Protokollführung der Vorstandssitzungen und der Spezialkommissionen und an die Rechnungsführung aller Betriebe und Institutionen. «Dieser kaum überblickbaren Vielfalt von Anforderungen konnte Paul Henggeler nur dank seiner wiedergewonnenen Gesundheit und einer bewundernswerten Bereitschaft zum Dienen genügen» (Robert Imbach).
     In die Porträtskizze dieses Mannes gehört der Hinweis, dass Paul Henggeler seine Kraft zum Tätigsein aus der Natur schöpfte. Er war Bergsteiger, Wanderer, Skifahrer und Kanute. Berg und Wasser, das Feste und das Fliessende, inspirierten, bereicherten und beglückten ihn. In voller Hingabe und mit dem Eros des Dienens lebte er für die Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug.
    
  
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