Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Zug (GGZ)
  
100 Jahre Gemeinnützige Gesellschaft
  
Ihre Geschichte als Spiegel der Zeitgeschichte (Zuger Neujahrsblatt 1984)
  
von Robert Imbach
In den Erinnerungen an die Jahresversammlung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft vom 20. bis 22. September 1880 in Zug wird unsere kleine Stadt mit folgenden Worten gefeiert: «Als wir in Zug anlangten, hatte die Stadt bereits ein festliches Gewand angelegt. Die weissen und roten Fahnen der Mutter Helvetia vereinigten sich mit den Kantonalfahnen zu einem herrlichen Bilde. Der Empfang war freundeidgenössisch herzlich und liess uns erkennen, dass das Zelt der Gemeinnützigkeit auch hier eine gute Stätte gefunden hatte. – Die Verhandlungen fanden in der Kapuzinerkirche unter dem Vorsitz von Ständerat Karl Anton Landtwing statt. Die beiden Hauptreferate hielten Domherr Alois Staub, Pfarrer und Erziehungsrat, Unterägeri, über die Notwendigkeit von Fortbildungsschulen, und Dr. med. Josef Hürlimann, Arzt in Unterägeri, über den bedenklichen Gesundheitszustand der Stellungspflichtigen. Aus den lebhaften Diskussionen ergab sich auch die Anregung zu einer Petition an den Bundesrat. Dieses Vorhaben wurde jedoch mit dem Argument bekämpft, dass dadurch der Bundespapierkorb noch mehr angefüllt werde!»
     Das Protokoll verrät auch, dass neben den ernsthaften Verhandlungen die Geselligkeit zu ihrem Rechte kam und schliesst mit einem patriotischen Gruss und Dank an das gastfreundliche Zug.
   
Die Gründung der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug 1884
     An der denkwürdigen Tagung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) hatten selbstverständlich auch deren Mitglieder mit Wohnsitz im Kanton Zug teilgenommen. Aus ihrem Kreise erfolgte vier Jahre später die Anregung zur Gründung der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug (GGZ). Am 29. September 1884 trafen sich im Gasthof zum Adler in Allenwinden (siehe Bild) 16 Männer verschiedenster Herkunft, Berufe und politischer Denkweise und gründeten die GGZ. Die gutgeheissenen Statuten verpflichteten jedes Mitglied zu schriftlichen oder mündlichen Referaten über gemeinnützige Fragen und zur tatkräftigen Mitwirkung bei deren Lösung unter Einhaltung einer neutralen und toleranten Haltung in politischer und konfessioneller Hinsicht. Der erste Vorstand vereinigte Persönlichkeiten mit Interessen und Kenntnissen in verschiedenen Lebensbereichen. Der Präsident, Domherr Alois Staub, war prädestiniert, Probleme der Schule und Erziehung vorzustellen. J. Rüttimann, Fürsprech, war in rechtlichen und gesetzgeberischen, und Th. Dändliker für volkswirtschaftliche Fragen zuständig. Der drei Jahre später erfolgten Wahl von zwei Ärzten, Dr. med. Josef Hürlimann und Dr. med. Carl Arnold, kam besondere Bedeutung zu, da unter ihrem Einfluss die GGZ sich intensiv mit dem Armen- und Krankenwesen und speziell mit der Bekämpfung der Tuberkulose befasste.
     Die Tätigkeit der jungen Gesellschaft wurde weitgehend durch die Bevölkerungsstruktur des Kantons, die wirtschaftliche Entwicklung und den Einfluss einzelner, initiativer Mitglieder beeinflusst.
Der Kanton Zug zählte 1880 rund 23 000 Einwohner. Die überwiegende Zahl der Erwerbstätigen war in der Landwirtschaft und im Kleingewerbe beschäftigt. Die Industrialisierung setzte erst zögernd ein. Die Spinnereien im Ägerital und in Baar, gegründet 1834 resp. 1854, waren die ersten industriellen Betriebe. Ihnen folgten 1867 die Fabrik für kondensierte Milch in Cham, 1880 die Metallwarenfabrik in Zug und 1884 die Papierfabrik Cham. Die Steuereinnahmen waren bescheiden. Die Einkommensverhältnisse einer erheblichen Bevölkerungsschicht entsprachen nach unsern Begriffen kaum dem Existenzminimum, allerdings gab es eine beachtliche Schicht hablicher Einwohner. Kanton und Gemeinden mussten mit ihren Geldern sparsam umgehen. Die kargen Mittel erlaubten nur eine unzureichende Förderung und Unterstützung des Bildungs-, Spital- und Armenwesens.
   
Die ersten 25 Jahre der GGZ
     Es war naheliegend, dass sich die Gesellschaft in erster Linie den vom Staate nur ungenügend wahrgenommenen Bereichen zuwandte. Die in den ersten Vorstandssitzungen und Vereinsversammlungen behandelten Themen betreffen vor allem die Sorge um den unbemittelten Kranken, speziell die chronisch kranken Kinder, Bemühungen um die Hebung des allgemeinen Gesundheitszustandes der Bevölkerung, die Integration der entlassenen Sträflinge in das Sozialgefüge und verwandte Bereiche. Viele Anregungen und Vorstösse konnten verwirklicht, naheliegende, bescheidene Ziele erreicht werden. Die Verwirklichung mancher wichtiger Postulate, erwähnt sei eine Kinderheilstätte, durften die damaligen «Gemeinnützigen» nicht mehr erleben, sie war einer späteren Generation vorbehalten. Einen anschaulichen Begriff der Bestrebungen vermitteln die in reinlicher, deutscher Handschrift verfassten Protokollbücher der ersten Jahre der GGZ.
Zum Armen- und Krankenwesen äussert sich Dr. J. Hürlimann am 23. Juni 1885: «... ein Spaziergang durch unser Ländchen zeigt uns manchen schwarzen Punkt. Da begegnet uns ein fünfzehnjähriges Mädchen, dem infolge Scrophulose vor einigen Jahren ein Beinchen amputiert werden musste und dem wegen Armut ein künstliches Glied fehlt, das die Kleine vor Gassenbettel behüten und arbeitsfähig machen würde. In einem Armenhause treffen wir neben Waisenkindern herabgekommene Subjekte, den Abschaum der menschlichen Gesellschaft. In einem Raum, den wir für den Keller halten können, haust eine geisteskranke Person, der für eine richtige Behandlung alles fehlt. Aus Rücksicht der Sparsamkeit unterblieb eine Versorgung in einer Irrenanstalt.»
     Am 13. Oktober 1886 meint Domherr Staub: «Was die Landgemeinden betrifft, so haben sie meistens keine oder nur höchst primitive Krankenhäuser, die in der Regel nur Armen-, sozusagen Zuchtanstalten sind.»
     Ständerat Dr. Schmid stellt am 11. Juli 1888 fest, dass eine klare Trennung von Armen- und Krankenwesen nicht besteht. Er fordert die Einführung einer obligatorischen Krankenversicherung und eine bessere Versorgung der armen Geisteskranken. Aus Scheu vor grossen Kosten werden diese meist in Armenhäusern oder bei Privaten versorgt. Zu wiederholten Malen spricht Dr. Hürlimann den Wunsch nach einer Heilstätte für chronisch erkrankte Kinder aus. In einer solchen Anstalt hätten Kinder, die in ungünstigen Verhältnissen leben, jedoch körperlich noch zu retten sind, also speziell scrophulöse, tuberkulöse und rachitische Kinder Aufnahme zu finden. Dem ist beizufügen, dass weder das Bürgerspital Zug, noch das 1884 eröffnete Asyl Baar über eine Kinderabteilung verfügten.
     Wie hat sich nun die GGZ gegenüber diesen Zuständen verhalten? Sie traf mit der Zürcher Heilstätte in Unterägeri, die 1884 eröffnet wurde, eine Vereinbarung über die Aufnahme einer beschränkten Zahl von Zuger Kindern gegen eine Tagespauschale von Fr. 1.–. Kostenträgerin war die GGZ.
     Die GGZ gründete 1886 einen Fonds zur Errichtung einer Kinderheilstätte für arme, chronisch kranke Kinder. Zur Äufnung des Fonds organisierte sie 1901 eine Sammlung in allen Gemeinden des Kantons. Der anfänglich mit Fr. 200.– dotierte Fonds erreichte bis 1904 einen Bestand von Fr. 42 453.15.
     Ihre Initiative bewirkte auch einen kantonalen Beitrag an die Versorgung armer Geisteskranker und 1891 die Errichtung eines kantonalen Irrenfonds. Zum Schulwesen hatte Domherr Staub schon in seinem Referat anlässlich der Tagung der SGG 1880 in Zug Stellung bezogen: «Freunde der Jugendbildung haben schon seit Jahren das Ungenügende des Unterrichtes an den meisten Primarschulen unseres lieben Vaterlandes deutlich erkannt und tief empfunden. Das zugerische Schulgesetz von 1850 verlangt, dass jene Schüler, welche nach Abschluss der sechs Jahre dauernden Primarschule keine höhere Schule besuchen, die Repetierschule, einen ohne eigentlichen Lehrplan über drei Jahre verzettelten Unterricht, absolvieren müssen. Die Erfahrungen sind unbefriedigend in bezug auf den Fleiss, das disziplinarische Verhalten und auf die Leistungen. Man hat guten Grund auf Besseres zu denken.»
     J. P. Steiner, Grundbuchschreiber, nimmt 1886 die Angelegenheit wieder auf: «Die Repetierschulen haben eine mangelhafte Organisation. Die Lehrer der kleinen Primarschüler sind der Aufgabe gegenüber fünfzehnjährigen und ältern Repetierschülern nicht gewachsen. Der Grundsatz: «Der Lehrer ist die Schule» hat auch hier seine Gültigkeit. Für uns genügt es zu konstatieren, dass eine bessere Fortbildung der Jugend ein unerlässliches Erfordernis ist, wenn nicht unser Kanton gelegentlich zu den hintersten Nummern gehören soll.»
     Zur Behebung der offenkundigen Mängel im Schulwesen fasste die GGZ an der Mitgliederversammlung vom 7. Juni 1886 den Beschluss, eine Eingabe an den Regierungsrat zu richten, die einer gewissen Brisanz nicht entbehrte. Nach Feststellung der Übelstände und der Forderung zur Einführung einer 7. Primarklasse oder einer eigentlichen Fortbildungsschule wird auf einen vom Erziehungsrat ausgearbeiteten Gesetzesentwurf hingewiesen, der dem Archiv enthoben und beförderlichst dem Kantonsrat vorgelegt werden möchte. Der Gesellschaft angehörende Mitglieder der Behörden aus beiden Lagern, insbesondere des Kantons- und des Erziehungsrates, haben in der Folge an der definitiven Ausarbeitung des Schulgesetzes von 1898 entscheidend mitgewirkt.
     Das folgende Votum von Fürsprech J. Rüttimann führte am 23. Juni 1885 zur Gründung eines Zugerischen Vereins fur Schutzaufsicht: «Das in der Strafanstalt begonnene Werk der sittlichen Besserung soll durch die Schutzaufsicht weiter geführt werden. Sie soll mit Rat und Tat für ein ehrliches Fortkommen der entlassenen Sträflinge sorgen, was im Interesse des Wohles und der Besserung, als auch zum Schutze der menschlichen Gesellschaft sei.»
     In den ersten Jahren nahmen sich die Vorstandsmitglieder persönlich der entlassenen Sträflinge an. An den Sitzungen wurde jeweils über die Art der Hilfeleistung referiert. Auch die Straftatbestände fanden Erwähnung, wie Hehlerei, falsches Zeugnis, Blutschande, Brandstiftung und ähnliche unerbauliche Handlungen. Durch die Wahl des dem Vorstande der GGZ angehörenden Fürsprech Rüttimann zum Polizeirichter wurde auch der Kontakt zu den zuständigen Behörden sichergestellt. In den Bereichen des Schutzaufsichtsvereins findet sich wiederholt die resignierte Feststellung, dass die Schutzaufsicht nicht in allen Fällen den gewünschten Erfolg erzielt habe.
     Der Verein hat im Laufe der Jahre auch Perioden geringer Aktivität zu verzeichnen, erst 1960 übernahm der Staat dessen Aufgabe.
Nach der Darstellung dreier wesentlicher Tätigkeitsbereiche sollen die übrigen Bestrebungen nur eine summarische Erwähnung finden.
     Die Beschäftigung mit dem Lehrlingswesen führte zu regelmässigen Delegationen an die Abschlussprüfungen und an die Ausstellungen der Examensarbeiten. Die Anregung, die Naturalverpflegung wandernder Handwerksburschen mit einer Auskunfsstelle für Arbeitsnachweis zu verbinden, fand ein positives Echo.
     Im Jahre 1892 übernahm die GGZ die Herausgabe des «Zuger Neujahrsblattes», das früher von einem freien Zusammenschluss von «Freunden der Jugend und der Geschichte» editiert worden war. Der Übernahme gingen Auseinandersetzungen und Kritiken voraus, wie aus folgender Notiz hervorgeht: «Das letzte Neujahrsblatt hat inhaltlich sehr zu wünschen übrig gelassen und überhaupt sollte die Gesellschaft ihr Geld zu Nützlicherem verwenden.»
     Bei den Diskussionen um ein Denkmal für Peter Kolin entsteht der Eindruck, dass es sich weniger um eine Ehrung des Helden von Arbedo handle, als um eine Unterstützung eines in Rom in bedrängten Verhältnissen lebenden Zuger Bildhauers.
     Hilfeleistungen bei schweren Unglücksfällen, etwa der Vorstadtkatastrophe 1887 und dem Brand von Meiringen 1892 runden das Bild der GGZ jener Jahre ab.
     Die Vorstandssitzungen und Tagungen fanden mit wenig Ausnahmen bis zur Jahrhundertwende im kleinen, idyllisch gelegenen Gasthaus «Bauernhof» im Obern Inkenberg (existiert nicht mehr) statt. Zur gemeinsamen Lösung selbstgestellter Probleme fanden die Herren dort die gewünschte Ruhe, eine gemütliche Atmosphäre, nebst Speise und Trank, derweilen die der Kutsche vorgespannten Pferde im nahen Stall die ihnen zukommende Verpflegung erhielten. Auch die Jahresversammlungen sind noch von ausgesprochener Gemütlichkeit geprägt. Wohl wurden die Geschäfte und Referate mit Ernst und Aufmerksamkeit verfolgt und entfachten oft angeregte Diskussionen, auf einen zweiten Teil wurde aber nie verzichtet. So erhält der Ochsenwirt ein kräftiges Lob für seinen währschaften «Zabig» und der Sternenwirt für seinen «ächten» Yvorne. Dem Wunsche eines Mitgliedes, man möchte die Traktandenliste nicht überladen, da sonst der gesellige Teil zu kurz komme, wurde Rechnung getragen. Vielleicht sollten die Nachfahren sich öfter an diesen Wunsch erinnern.
  
Der Durchbruch in der Bekämpfung der Tuberkulose
Man spricht heute nicht mehr viel von der Tuberkulose. Die Zahl der Erkrankungen ist beachtlich zurückgegangen, aber endgültig besiegt ist die Tuberkulose nicht. In früheren Jahrhunderten war die Tuberkulose eine schlimme Volksseuche und nur die schweren Seuchenzüge von Pest, Cholera und Fleckfieber verbreiteten grösseren Schrecken. Im Kanton Zug starben 1888 insgesamt 64 Menschen an Tuberkulose, das sind 31 auf 10 000 Einwohner. Im Jahre 1900 waren es 73, das sind 29 auf 10 000 Einwohner. Die Zahl der Todesfälle gibt keinen Aufschluss über die Anzahl der Erkrankten, da eine zuverlässige Morbiditätsstatistik aus jener Zeit fehlt. Die wenigen Angaben belegen die grosse Verbreitung der Tuberkulose und ihre volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Sie rechtfertigen auch die umfassenden Anstrengungen zur Eindämmung der verhängnisvollen Krankheit.
     Die Bemühungen der GGZ in der Bekämpfung der Tuberkulose reichen bis in die frühen Jahre ihrer Gründung zurück. Der erhoffte und schliesslich erfolgte Durchbruch ist zwei Faktoren zuzuschreiben: Unter dem Einfluss von Vorstandsmitgliedern aus dem Ärztestand, die mit den bedenklichen Verhältnissen tuberkulöser Patienten vertraut waren, wandte sich die Gesellschaft mit zunehmendem Einsatz dieser Aufgabe zu. Als eigentlicher Glücksfall erwies sich zudem die caritative Gesinnung von Frau Adelheid Page-Schwerzmann [Denkmal (Brunnen) zu ihren Ehren vor der Klinik in Unterägeri, Kindergruppe von A. Kögler – siehe Bild], der Witwe des Mitbegründers der Chamer Milchfabrik. Von ihrem Hausarzt, damals Vorstandsmitglied und späterer Präsident der GGZ auf die im Kanton Zug noch ungelösten Probleme aufmerksam gemacht, stiftet sie das Sanatorium Adelheid und übergibt es schlüsselfertig der GGZ zum Betrieb.
     Aus klimatischen Erwägungen wurde der vor der Bise geschützte und der Sonne zugewandte Abhang des Erliberges oberhalb Unterägeri gewählt. Unter namhafter Mitwirkung der Stifterin und Beizug von Sachverständigen aus den medizinisch-hygienischen und betrieblichen Fachbereichen verfasste die Architektengemeinschaft Keiser und Bracher die Pläne. An der Sitzung vom 5. April 1910 orientierte der Präsident den Vorstand über die Schenkung. Das Protokoll vermerkt hierzu lakonisch: «Aus den Besprechungen mit Madame Page ergibt sich, dass sie ein Lungensanatorium für Erwachsene mit einer Kinderabteilung erbauen will und es der GGZ zum Betrieb übergeben wird. Des weiteren wird eine Stiftungsurkunde vorgelegt und durchberaten. Grundsätzlich wird der Wunsch geäussert, Frau Page solle nicht zu kostspielig bauen, weil die Patienten nach der Heilung wieder in ihre ärmlichen Verhältnisse zurückkehren werden und dort leicht die genossenen Bequemlichkeiten vermissen würden, wodurch Unzufriedenheit mit den schlichten Verhältnissen hervorgerufen werde.»
     An der ungewohnt stark besuchten Gesellschaftsversammlung vom 26. April 1910 im Gastbaus Bären in Cham kam dann aber eine freudige Hochstimmung zum Ausdruck. Die Dankesbezeugungen von seiten der Behörden und zahlreicher Versammlungsteilnehmer wurden zu einer Ovation, wie sie bei unserer eher zurückhaltenden Bevölkerung nur selten erlebt wird.
     Der Umstand, dass die Schenkung auch Verpflichtungen beinhaltet, wurde durch die Errichtung eines Betriebsfonds, dem bald beträchtliche Spenden zuflossen, Rechnung getragen. Die ausserordentliche Gesellschaftsversammlung vom 7. März 1911 brachte die einmütige Absicht zum Ausdruck, die übernommene Aufgabe zu erfüllen. Die Gründung der Frauenliga zur Bekämpfung der Tuberkulose wurde beschlossen, und 87 Beitrittserklärungen waren der Beweis für eine spontane Hilfsbereitschaft.
     In einer einfachen aber würdigen Feier wurde das Sanatorium am 18. Mai 1912 eröffnet und zu Ehren der Stifterin «Sanatorium Adelheid» benannt. Die Belegung sämtlicher Betten innert kürzester Frist bestätigte das nie angezweifelte Bedürfnis. Dank der Berufung der Schwestern der Kongregation von Heiligkreuz in Cham war die Pflege der Patienten in besten Händen. Die Besetzung der Chefarztstelle stellte in den ersten Jahren gewisse Probleme, bis 1918 Dr. med. Otto Weber mit grosser Kompetenz die ärztliche Leitung übernahm.
     Die in den folgenden Jahren unablässigen Bemühungen in der Bekämpfung der Tuberkulose (Tbc), die Ergänzung der Kurbehandlung durch chirurgische Eingriffe und die Entdeckung der Tuberkulostatica (das Wachstum der Tbc-Bakterien hemmende Medikamente) und die allgemein bessere Wohnungshygiene führten zu einem höchst bemerkenswerten Erfolg. Darob durfte sich auch die GGZ freuen, die, zusammen mit der Frauenliga, zu diesem Ergebnis beigetragen hatte. Die neue Situation wirkte sich jedoch zunehmend ungünstig auf die Belegung des Sanatoriums aus. Zur Nutzung der leerstehenden Betten wurde der von andern Sanatorien eingeschlagene Weg begangen und das Sanatorium zur Mehrzweckheilstätte umgestaltet. Unter Beibehaltung einer reduzierten und getrennten Tbc-Abteilung wurde 1972 eine Spitalabteilung eingerichtet, was bedeutende Umbauten erforderte. Die Spitalabteilung dient heute besonders Patienten, die nicht des umfassenden diagnostischen und therapeutischen Apparates des Akutspitals bedürfen. Die Umstrukturierung hat sich bewährt und die Anstalt erfüllt die ihr in der zugerischen Spitalplanung zugewiesene Aufgabe. Von dem sprachlichen Ungeheuer «Mehrzweckheilstätte» wurde wieder Abstand genommen und zur altgewohnten Bezeichnung «Sanatorium Adelheid» zurückgekehrt.
     Mit der Eröffnung des Sanatoriums Adelheid waren noch nicht alle Postulate in bezug auf die Bekämpfung der Tuberkulose erfüllt. Die Kinderabteilung des Sanatoriums war den an aktiver Tuberkulose leidenden Kindern vorbehalten. Für die schwächlichen, tuberkulosegefährdeten und den an inaktiver Tuberkulose erkrankten Kinder standen in privaten Kinderheimen und in der Zürcher Heilstätte Pflegeplätze in beschränktem Rahmen zur Verfügung. Das Anliegen einer Kinderheilstätte war noch nicht erfüllt. Der Vorstand war allerdings nicht untätig geblieben. Er hatte Pläne erwogen, Standorte gesucht, doch der Spezialfonds erlaubte noch keine Realisierung. Und wiederum war es Frau Adelheid Page, welche den lang gehegten Wunsch erfüllte. Sie kaufte die Liegenschaft «Heimeli» mit einem Umschwung von 27 500 m2 und schenkte sie der GGZ zum Betrieb. Der Spezialfonds, der mittlerweile den Betrag von rund Fr. 150 000.– erreicht hatte, blieb unangetastet und wurde zum Betriebsfonds. Die Kinderheilstätte «Heimeli» wurde am 10. März 1919 dem Betrieb übergeben. Sie bot Raum für 32 Kinder. Die ärztliche Leitung wurde den Drs. August und Conrad Bossard übertragen und die Pflege übernahmen die Schwestern von Heiligkreuz.
     Aus dem Jahresbericht von 1919 sei folgender Passus zitiert: «Wegen der traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse, die überall herrschen und die nicht für laute Feste geeignet sind, wurde, auf Wunsch der Stifterin dieser neuen wohltätigen Institution, von einer Eröffnungsfeier Umgang genommen. Ganz still und bescheiden hat die zugerische Kinderheilstätte ihr segensreiches Werk begonnen.» Zu einer kleinen Feierlichkeit ist es dann aber doch noch gekommen. Anlässlich eines Besuches von Frau Page überreichten ihr die «Erstlinge im Heimeli» einen seidenen, selbstverfertigten Fächer, auf dem die Namen aller dort weilenden Kinder aufgezeichnet sind.
     Das Heimeli hatte nicht nur einen guten Anfang. Es war in der folgenden Zeit stets voll besetzt und die Kurerfolge waren höchst zufriedenstellend, wie die peinlich exakt geführten ärztlichen Statistiken belegen. Das Unvermögen, allen Gesuchen um Aufnahme zu entsprechen, veranlasste den Vorstand, einen Neubau zu planen, der jedoch erst 1938 verwirklicht wurde.
     Nach Jahrzehnten der Vollbesetzung und erfreulichen Kurerfolgen trat eine Stagnation und schliesslich ein Rückgang der Belegung ein. Die Ursache lag wie beim Sanatorium im allgemeinen Rückgang der Tbc, der bei den Kindern noch früher und markanter eintrat. Die eine Kur erfordernde Gefährdung durch die Tbc war bedeutungslos geworden. Die einst frohe und auf Genesung wartende Kinderschar war zu einem tristen Grüppchen geschrumpft. Bekümmert, doch zugleich glücklich über sein erfolgreiches Lebenswerk erklärte der greise, ehemalige Chefarzt Dr. Conrad Bossard: «Das Heimeli hat seine Pflicht getan!» Die Prüfung verschiedener Möglichkeiten anderweitiger Verwendung ergab keine befriedigende Lösung. Das Heimeli schloss 1975 seine Tore. Der Neubau wurde unter dem Vorbehalt eines Rückkaufsrechtes an die Stiftung «Ferienheime für Mutter und Kind» verkauft. Ein geliebtes Kind war aus der Gemeinschaft verabschiedet worden.
     Die Tuberkulose-Fürsorgestelle umfasste die Beratung und Betreuung von zu Hause gepflegten und den aus dem Sanatorium entlassenen Patienten, ferner vermittelte sie Kurfinanzierungen und anderweitige materielle Hilfe. Die Angliederung einer ärztlichen Sprechstunde wurde von den Zuger Ärzten begrüsst und entwickelte sich zu einer eigentlichen Konsultativstelle. Die Übertragung von Massnahmen auf dem Gebiet der Prophylaxe und Früherfassung an die Fürsorgestelle erfolgten im Rahmen eines Gesamtplanes der Tuberkulosebekämpfung. Die Frauenliga sagte ihre Mitwirkung zu. Als erste Fürsorgerin wurde Fräulein Melanie Doser gewählt. Sie trat anfangs 1918 ihre Stelle an und hielt ihr während über 40Jahren die Treue.
     Die Arbeitsbelastung der Fürsorgerin war durch die Minderung der Tbc nicht geringer geworden. Die Funktion der Fürsorgestelle als Zentrale der gesamten vorbeugenden Massnahmen, speziell der Schutzimpfung der Kinder, und die Beanspruchung zur Früherfassung durch die Schirmbilduntersuchungen ergaben eine zusätzliche Belastung. Mit der Ausdehnung der Sorge auch auf nichttuberkulöse Lungenkrankheiten wie Asthma, chronische Bronchitis und andere, war ein neues Geduld und Zeit beanspruchendes Arbeitsgebiet angeschlossen worden.
   
Die Zeit des ersten Weltkrieges und des folgenden Jahrzehnts
Die Jahre vor 1914 standen im Zeichen einer gewissen Prosperität. Der erste Weltkrieg brachte Veränderungen der Gesellschaftsstruktur und leitete politische Umwälzungen ein. Die stetig zunehmende Teuerung und die Verknappung praktisch aller Konsumgüter zwangen zur Sparsamkeit und führten in den wenig begüterten Kreisen zu echten Notlagen. Die schwere Grippeepidemie von 1917/18 belastete die gesamte Bevölkerung zusätzlich in physischer und psychischer Hinsicht. Der Kanton hatte gegenüber dem vergangenen Jahrhundert eine ausgeprägte Veränderung erfahren. Die Einwohnerzahl des kleinen Agrarkantons hatte sich seit der Volkszählung von 1888 bis 1930 um nahezu 50%, das heisst auf 34500, erhöht. Die Industrialisierung hatte erhebliche Fortschritte erzielt. Aus der kleinen Firma Theiler, als «Elektrisches Institut» bezeichnet, war die Weltfirma Landis & Gyr geworden. Die Metallwarenfabrik Zug und die Papierfabrik Cham hatten sich kräftig entwickelt. 1913 erfolgte die Gründung der Verzinkerei Zug und weitere Betriebe etablierten sich im Kanton.
     Der GGZ stellten sich neue Probleme. Die Führung ihrer Anstalten erwies sich als schwierig. Die Sicherstellung der Beschaffung der Lebensmittel und des Heizmaterials gelang oft nur durch Überwindung zäher Hindernisse. Die Teuerung bewirkte Defizite der Betriebsrechnungen.
     Eine sich abzeichnende Unterernährung, besonders bei den ärmeren Bevölkerungskreisen durch den effektiven Mangel an hochwertigen Nahrungsmitteln und die Teuerung veranlassten die GGZ zur Einrichtung von Volksküchen, welche zu stark verbilligten Preisen Mahlzeiten anboten.
     Die Verwendung der hohen Erträge der Kriegsgewinnsteuer führte zu Meinungsverschiedenheiten, welche z.T. auf der politischen Ebene ausgetragen wurden. Die GGZ hatte schon früher wiederholt die Wünschbarkeit einer Alters- und Hinterbliebenenversicherung diskutiert. Sie wandte sich 1917 an den Regierungsrat mit einer Eingabe, welche die Einführung einer solchen Volksversicherung befürwortete. Für diesen Schritt wurde die GGZ der einseitigen Parteinahme wegen getadelt. Der Vorschlag wurde nicht verwirklicht. Die Zeit war für solche weitreichende Pläne noch nicht reif.
     In den letzten Kriegsjahren war auf eidgenössischer Ebene die Einrichtung von Gemeindehäusern angeregt worden. Ihr Zweck war das Angebot bekömmlicher Mahlzeiten zu billigen Preisen und die Einrichtung von Lesestuben, gleichzeitig sollten sie einen Beitrag zur Bekämpfung des Alkokolismus leisten. Unter massgebender Mitwirkung der Industrie und der GGZ erfolgte 1919 die Gründung der Gemeindehausgenossenschaft. Diese erwarb das Hotel Falken in Zug. Die GGZ setzte zum Betrieb eine Kommission ein. Eine gute Frequenz bestätigte das Bedürtnis. Im Falken fanden die ersten Versuche zu Erwachsenenbildung und Volkshochschule in Form von Vorträgen und Gesprächsabenden statt. Der unbefriedigende Besuch dieser Veranstaltungen führte zum Abbruch des Versuches. Das Gemeindehaus Falken hatte seine «grosse Zeit» während der Krisenjahre. Seine Bedeutung verminderte sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Industrie für ihre Angestellten und Arbeiter Kantinen einrichtete. Dieser Schritt war berechtigt, denn im Falken konnten höchstens 50 Mahlzeiten gleichzeitig serviert werden. Die Zahl der Arbeitnehmer, die auf billige, ausreichende und nahrhafte Mahlzeiten angewiesen waren, betrug ein Vielfaches der im Falken gegebenen Möglichkeiten. Die Funktion als Gemeindehaus war schon früher fast bedeutungslos geworden. Die geringer werdende Frequenz und personelle Schwierigkeiten veranlassten die GGZ, sich von der Leitung zurückzuziehen. Für kurze Zeit wurde der Falken noch als alkoholfreie Gaststätte von privater Seite weitergehührt. Die endgültige Schliessung und die Auflösung der Genossenschaft erfolgte 1952.
     Eine Fülle von Ideen, Plänen und Anregungen wurden in den Nachkriegsjahren erwogen, vorbereitet und teilweise auch realisiert. Eine Auswahl dieser Vielfalt sind die folgenden Bestrebungen: Kontrolle des Pflegekinderwesens, Schulzahnpflege, Mütterberatung, Förderung der Jugend- und Volksbibliothek, Anfänge der Eigenheimbewegung, die zu einem wichtigen Zweig der Aktivitäten der GGZ werden sollte.
   
Die Zeit der Krisenjahre und der Zweite Weltkrieg
Krisenzeiten wirken als eine Herausforderung auf gemeinnützige Institutionen. Die Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre hatte auch die Schweiz hart getroffen. Die um sich greifende Arbeitslosigkeit war zudem von einer fortschreitenden Teuerung begleitet, die durch die Frankenabwertung, trotz gegenteiliger Beteuerung, wie «ein Franken bleibt ein Franken», noch gefördert wurde. Auch im Kanton Zug stagnierten Handel und Industrie. Die Zahl der Arbeitslosen war beträchtlich. Staatliche und private Massnahmen waren geboten und mehr oder minder erfolgreich.
     Der mächtig sich ausbreitende Nationalsozialismus droht auch auf die Schweiz überzugreifen. Bei dem weit überwiegenden Teil der Bevölkerung führte diese Strömung zu einer Gegenreaktion und Besinnung auf die eigenen Werte und gab Anlass zu einer Welle unanfechtbarem Patriotismus und Bekenntnis zur Landesverteidigung, auch noch abseits stehender Gruppen. Es sei an den unerwartet grossen Erfolg der Wehranleihe 1933 erinnert. Die Landesausstellung 1939 war der Ausdruck einer geeinten Schweiz und eines zur Verteidigung seiner Freiheit bereiten Volkes. Dass die Schweiz während und nach dem Zweiten Weltkrieg von politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen verschont blieb, war unter andern Faktoren der Einführung der Lohn- und Verdienstersatzordnung für Wehrmänner und der kriegswirtschaftlichen Vorsorge, die in einer ausgewogenen und funktionierenden Rationierung ihren Ausdruck fand, zu danken. Die Frage nach dem Beitrag der GGZ zur Linderung der Not der Krisenjahre und ihrem Einfluss auf die geistige Landesverteidigung drängt sich auf. Durch ihre Struktur war sie in der Lage, in direkter und indirekter Art materielle Hilfe in verschiedenen Teilbereichen zu leisten.
     Einzelhilfe: Die Tuberkulose-Fürsorgestelle hat nicht nur für von ihr betreute Patienten, sondern auch für deren Angehörige Hilfe geleistet. Für eine weiter reichende Einzelhilfe fehlten die personellen Voraussetzungen. Die Übernahme des Sekretariates der Winterhilfe entlastete diese auf Einzelhilfe ausgerichtete Institution erheblich.
     Arbeitsbeschaffung: Die Vergebung grosser Bauaufträge bewirkte eine willkommene Beschäftigung verschiedener einheimischer Gewerbezweige. Besonders zu erwähnen sind der Neubau der Kinderheilstätte «Heimeli» mit einem Aufwand von Fr. 1 367 000.– und Um- und Anbauten im Sanatorium (Fr. 408 000.–). Grosse Bedeutung kam der Eigenheimförderung zu, durch Gewährung zinsgünstiger Darlehen. Dadurch wurde ein Bauvolumen ausgelöst, das ungefähr dem achtfachen Betrag der Höhe des gewährten Kredites entsprach. Die gewährten Darlehen erreichten 1972 den Höchststand von Fr. 830 000.–, die sich auf 115 Darlehensempfänger verteilten. Seit Beginn dieser «Geschäftssparte» hat die GGZ dazu beigetragen, dass rund 400 Familien zu einer tragbaren Belastung sich ein Eigenheim bauen konnten. Die erleichterte Finanzierung durch die Banken und Baugenossenschaften löste die Mitfinanzierung durch die GGZ allmählich ab. Der seit über 60 Jahren bestehenden Institution kommt heute nur noch ein geringes Gewicht zu. Der Arbeitsbeschaffung dienten auch die freiwilligen Arbeitslager für arbeitslose Jugendliche zur Instandstellung der Zufahrtsstrasse zum Horbach. Unbeirrt durch die problemgeladenen Verhältnisse der Zeit verfolgte die GGZ ihre vorgegebenen Ziele. Sie bemühte sich, ihre bestehenden Institutionen unbeschadet zu bewahren. Aber auch neue Aufgaben, welche die Erfüllung früherer und nicht verwirklichter Absichten bedeuteten, wurden in Angriff genommen.
     Unter Mitwirkung der öffentlichen Hand und der Industrie erwarb die GGZ 1931 das Landgut Horbach zur Einrichtung eines Ferienheimes für Schulkinder. Zur Betreuung der Kinder stellten sich Töchter aus «bessern Familien» zur Verfügung. Erheiternd ist das Entsetzen über deren erste Kontakte mit Kopfläusen. Dank guter Ratschläge wurden auch die «bessern Töchter» mit dieser lausigen Begegnung fertig.
     Das gute Gelingen und offensichtliche gesundheitliche Erfolge für die Kinder riefen nach einer Nutzung auch ausserhalb der Schulferien. Der andernorts beobachtete pädagogische und schulische Nutzen von Freiluftschulen und die Eignung des Horbachs für eine solche Institution, bewogen den Vorstand, eine Waldschule für gesundheitsgefährdete Kinder einzurichten. Im Frühjahr 1938 übernahm Fräulein Käthi Uhr die erste Schülergruppe und nach zeitraubender und gründlicher Abklärung konnte am 8. Mai 1948 der nach den Plänen von Architekt W. Wilhelm erbaute Anbau eingeweiht werden. Gemessen am damaligen Standard der Schulhausbauten war auch das schönste Schulzimmer im Kanton Zug entstanden, gewährten doch zwei Fensterfronten einen freien Ausblick auf den Zugersee und die Alpen. Es bleibt die Frage, wie förderlich eine anziehende und ablenkende Aussicht für die Aufmerksamkeit der Schüler sei?
     Der Betrieb des Horbachs als Waldschule für gesundheitlich gefährdete und schwächliche Kinder gestaltete sich während vieler Jahre problemlos. In den fünfziger Jahren zeigte sich eine Veränderung in der Zusammensetzung der Schülergemeinschaft. Wirklich kränkliche und gesundheitlich gefährdete Kinder wurden seltener, eine Tatsache, die alle Kinderheime mit therapeutischem Charakter hinnehmen mussten. Dafür wurden zunehmend Kinder mit Schul- und Verhaltensschwierigkeiten zugewiesen. Die Schulführung wurde dadurch erschwert, und die Gewinnung geeigneter Lehrkräfte in jener Zeit des Lehrermangels immer schwieriger, und die getroffene Wahl war nicht immer glücklich. Es galt, die eingetretene Krise zu meistern. Schulpsychologen und Ärzte machten auf das dringende Bedürfnis nach Sonderschulen für verhaltensgestörte Kinder aufmerksam. Im Einvernehmen mit den Schulbehörden und der Zusicherung der Anerkennung als Sonderschule durch die Invalidenversicherung wurde 1962 die Sonderschule Horbach verwirklicht.
     Die mahnende Äusserung von «Papa Ziegler» (Dr. med. Albert Ziegler, Kinderarzt und langjähriger Hausarzt im Horbach) bleibt unvergessen: «Es ist viel leichter, müde und erholungsbedürttige Kinder zu betreuen, als eine Schar lebhafter, in ihrem Verhalten oft unberechenbare Kinder zu zähmen und zu sozialem Verhalten zu erziehen.» Er sollte recht behalten! Die Anfangsschwierigkeiten waren gross. Sie waren weniger den Kindern anzulasten, als dem noch nicht entwickelten Verständnis für die Andersartigkeit der Kinder und den für eine Sonderschule beschränkten Raumverhältnissen. Mit der Zeit gelang es. ein sich gegenseitig ergänzendes Lehrer- und Erzieherteam zu bilden, das allerdings einem gewissen Wechsel unterworfen war. Die Arbeit mit verhaltensgestörten Kindern verlangt einen grossen Einsatz und eine grenzenlose Geduld. Im Demissionsschreiben eines Heimleiters nach achtjähriger Tätigkeit findet sich der bezeichnende Satz: «Ich fühle mich wie ein ausgebrannter Chamottestein. Ich verliere zu oft die Geduld; ein Wechsel ist dringend geworden.» Die baulichen Anpassungen an die Erfordernisse einer Sonderschule verlangten einen umfassenden Umbau des alten Hauses und die Erstellung eines Schulpavillons in den Jahren 1973/74. Die Verbesserung der Personalunterkünfte und der Bau eines Lehrerhauses entsprachen einer begründeten sozialen Notwendigkeit. Der Horbach als Sonderschule erfüllt eine Aufgabe, die es rechtfertigt, auch drückende finanzielle Sorgen zu überwinden.
Der zunehmende Umfang des Tätigkeitsbereiches der Gesellschaft überstieg mit den Jahren die Belastbarkeit der Vorstandsmitglieder. Die Anstellung eines hauptamtlichen Sekretärs wurde unerlässlich. Am 1. Januar 1931 hat Paul Henggeler das Sekretariat übernommen. Bei zunehmender Arbeitsbelastung hat er mit grossem Einsatz und Gewissenhaftigkeit bis 1970 der GGZ gedient.
  
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Entwicklung der Schweiz zum Sozialstaat
Die Nachkriegszeit und die folgenden Jahrzehnte zeichneten sich durch eine bemerkenswerte Prosperität aus, an der praktisch alle Bevölkerungsschichten teilhatten. Die in den letzten Jahren eingetretene Trübung vermag allerdings den Gesamteindruck zu beeinträchtigen. Der zunehmende Wohlstand und das wachsende Bedürfnis nach Bewahrung des erreichten Zustandes schufen die Grundlage zur Entwicklung der grossen Sozialwerke unserer Zeit. Eine veränderte Einstellung gegenüber dem Staate, in welchem der Bürger nicht mehr nur den Gehorsam fordernden Vater, sondern auch die «gütige, gabenspendende Mutter Helvetia» erkannte, förderte die Entfaltung des schweizerischen Verhältnissen angepassten Wohlfahrtsstaates.
     Am 6. Juli 1947 stimmte das Schweizervolk mit überwältigendem Mehr (862 000 Ja zu 215 000 Nein) dem Bundesgesetz über die Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung zu und bestätigte damit gleichzeitig sein Einverständnis zum Drei-Säulenprinzip, der Basisversicherung, der beruflichen und privaten Vorsorge. Am 1. Januar 1959 trat das Gesetz über die Invaliden-Versicherung in Rechtskraft und am 1. Januar 1985 wird das Gesetz über die berufliche Vorsorge die verbleibende Lücke schliessen. Als vierte Säule darf der weit fortgeschrittene Ausbau der Kranken- und Unfall-Versicherung bezeichnet werden.
     Gleichzeitig mit dem Ausbau der Sozialversicherung erfuhr die öffentliche Fürsorge eine wichtige Umgestaltung. Die Abkehr vom Bürgerortsprinzip der Armenunterstützung zum Wohnortsprinzip und der damit bedingte Ausbau der öffentlichen Fürsorgestellen und deren Besetzung mit geschulten Kräften, nahm der gewährten Hilfe den üblen Beigeschmack der Armengenössigkeit. Die Gründung spezialisierter Fürsorgestellen, meist privater Initiative zu verdanken, ergänzten das System der Für- und Vorsorge.
     Das auf dem Solidaritätsverständnis beruhende staatliche Sozialwerk hätte von der privaten Gemeinnützigkeit nicht aufgebaut werden können, da sie weder über gesetzgebende noch über entsprechende finanzielle Mittel verfügt.
Bei der Wertung des öffentlichen Für- und Vorsorgewesens drängt sich die Beurteilung des Stellenwertes der privaten gemeinnützigen Tätigkeit auf. In weitreichendem Masse ist für die materielle Sicherheit und Wohlfahrt der Bevölkerung gesorgt. Daneben bleiben zahlreiche Lebensbereiche, in denen der Staat nicht oder nur gering aktiv wird. Somit besteht keine Polarität zwischen öffentlicher und privater Fürsorge, sondern eine sinnvolle Ergänzung.

     Die GGZ hat sich wiederholt mit diesem Thema befasst. Wegleitend waren die Thesen von Professor Werner Kägi, vorgetragen an der 150-Jahr-Feier der SGG 1960 im Münster in Schaffhausen:

  1. Die Vorbereitung der staatlichen Fürsorgetätigkeit auf einem bestimmten Lebensgebiet.
  2. Die Ergänzung staatlichen Handelns.
  3. Der freiheitliche Staat anerkennt als Rechtsstaat einen unantastbaren Bereich persönlicherFreiheit, welcher der privaten Initiative weiten Raum lässt. In dieser Freiheit wurzelt die ganze freie Gemeinschaft. In dieser Freiheit gedeiht der freie Staat und in ihr wurzelt die private Gemeinnützigkeit.

Klaus Schädelin, Gemeinderat und Fürsorgechef der Stadt Bern, referierte an der Generalversammlung von 1964 über öffentliche und private Fürsorge. Seine praxisnahen und humorvollen Ausführungen (er ist der Autor des reizenden Kinderbuches «Mein Name ist Eugen») lassen sich folgendermassen zusammenfassen: Die öffentliche Fürsorge hat Vorschriften und einschränkende Bestimmungen zu beachten. Jede Besprechung und Dienstleistung, auch ein Fehlverhalten des zu Betreuenden, müssen aufgezeichnet werden. Die öffentliche Fürsorge kann nicht vergessen. Die von einem Amt beauftragte Fürsorgerin wird manchmal abweisend und misstrauisch empfangen. Schädelin meint dazu: «Und ich habe doch alles so netti Meitschi und keine Gumseln, wie sie auch schon tituliert wurden.» Dem gegenüber ist die private Fürsorge freier. Sie kann und darf vergessen, sie darf auch Unarten verzeihen. Ja, sie darf sogar Fehler machen.
     An der Generalversammlung der GGZ im Jahre 1978 sprach Nico Bischoff, Statthalter der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige in Basel, über private Gemeinnützigkeit im modernen Sozialstaat. Er trat für kreatives Handeln und Innovationsfreudigkeit in der privaten Gemeinnützigkeit ein und forderte, dass überlebte Normen und Werke, an denen wir aus Gewohnheit und Tradition noch festhalten, als Ballast abzuwerfen sind. Er ermunterte zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen, um den Zerfall der sozialen Struktur unseres Volkes aufzuhalten und die Beziehungslosigkeit von Mensch zu Mitmensch zu beheben. Unter diesem Aspekt sind auch die weiteren Werke und das Wirken der GGZ in der jungen und jüngsten Vergangenheit zu würdigen und zu dokumentieren. Die Verkürzung der Arbeitszeit bewirkte einen willkommenen Gewinn an Freizeit, – freie Zeit zu sinnvoller Nutzung. Es stellten sich aber auch Zweifel an der zweckmässigen Nutzung der Freizeit ein. Angebote zu handwerklicher und kreativer Betätigung waren ein Gebot der Stunde. Der warnende Ausspruch eines Gefängnisdirektors illustriert treffend die Situation: «Wenn wir uns nicht um die Freizeit von jung und alt kümmern, und zwar ernstlich kümmern, so lasst uns wenigstens Vorsorge treffen durch die Erweiterung unserer Strafanstalten.» Die Drogengefahr war damals noch nicht erkannt worden
     Als bescheidenen Beitrag konnte die GGZ die Freizeitwerkstätte anbieten. Der Betrieb war wegen des Fehlens eigener Lokalitäten erschwert. Inspiriert durch ProJuventute, welche in Zürich Pionierdienste mit Freizeitzentren leistete, suchte der Vorstand nach einer besseren Lösung. Dem Verständnis der Behörden und der Zustimmung der Bevölkerung bei der Abstimmung über die Kreditgewährung war es zu verdanken, dass beim Bau des Loretoschulhauses einem Freizeitzentrum Raum gewährt wurde. Mit dem Betrieb wurde die GGZ betraut. Dank grosszügigen Zuschüssen der öffentlichen Hand und privaten Spenden konnte ein vielfältiges Angebot an Freizeitbetätigungen vorgelegt werden. Die Benennung Gemeinschaftszentrum Loreto bringt zum Ausdruck, dass es sich um eine Stätte der Begegnung von jung und alt handelt. Es wurde 1969 eröffnet.
     Die in früheren Jahren durchgeführten Volkshochschulkurse wurden 1978 in das Programm des Gemeinschaftszentrums aufgenommen. Eine breitgefächerte Auswahl an Kursen aus zahlreichen Wissensgebieten wie Musik, Kunst, Literatur, Photographie, Gestalten und Werken, speziell auch Sprachkurse finden grosses Interesse. Die Volkshochschule hat sich zu einem wichtigen Teilbereich des Gemeinschaftszentrums Loreto entwickelt.
     Die Zeit liegt recht ferne, da der Berichterstatter mit seinen Kameraden in den Strassen unserer Stadt noch «Velo-umejagis» gefahrlos (?) machen konnte. Näher liegt die Zeit, da seine Kinder im Neustadtquartier auf der Strasse Völkerball spielten. Den heutigen Kindern ist noch weiterer Spielraum verloren gegangen, findet sich doch in den Kernzonen und den Aussenquartieren der Stadt kaum noch ein ungenutztes Grundstück. Den Stadtkindern ist auch der herrliche Holzlagerplatz und «Trämmelfang» der Sägerei Spillmann verloren gegangen. Paradise lost! Die Pro Juventute hat sich als Fürsprecher für die Kinder eingesetzt und als Animator zur Schaffung von Freiräumen für Kinderspiele grosse Verdienste erworben. Im Einvernehmen mit den Behörden und weiteren für die Idee begeisterten Kreisen gründete die GGZ 1955 die Stiftung zur Förderung von Kinderspielplätzen, die einige attraktive Spielplätze geschaffen hat [als ersten die Rigianlage in Zug – Rigistrasse, Vorstadt – siehe Bild]. Nachdem die Initialzündung erfolgt war, weitere Kreise auf das Bedürfnis aufmerksam geworden waren und in Bauordnungen neben der Pflicht zur Erstellung von Autoparkplätzen auch Spielplätze für Kinder gefordert wurden, hatte die Stiftung ihren Zweck erreicht und löste sich 1975 auf.
     In dem bunten Strauss des Wirkungskreises der GGZ finden sich auch einige Blüten der Gattung Kulturförderung. Das Zuger Neujahrsblatt, die Mitwirkung bei der Herausgabe einiger trefflicher Publikationen, z.B. das Buch vom Lande Zug, die Monographie Potthof, die Iten-Talleute von Ageri, Tugium sacrum und mehrere naturwissenschaftliche Veröffentlichungen sind zu erwähnen. Die GGZ gehört auch zu den Gründern der Zuger Kunstgesellschaft, der sie weiterhin nahesteht. Der Ankauf von Bildern von Zuger Künstlern, mit Rücksicht auf die zur Verfügung stehenden Mittel nur von geringem Umfang, ist als Akt des guten Willens zu werten.
     Die Bestrebungen der Sozialpsychiatrie werden im Kanton Zug von der Stiftung Phönix und auf schweizerischer Ebene von der Stiftung Pro Mente Sana wahrgenommen. Beiden Organisationen steht die GGZ nahe. Ihre Ziele sind öffentliches Wirken für ein besseres Verständnis der psychisch Kranken, deren Eingliederung in die Gesellschaft in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht.
     In der Zeitspanne von 100 Jahren haben sich die sozialen, wirtschaftlichen und weltanschaulichen Verhältnisse in unserer engeren und weiteren Heimat grundlegend verändert. Unbestreitbar ist, dass sich die GGZ bemüht hat, den Grundsätzen ihrer Gründer und den Bedürfnissen der Zeit zu entsprechen.
     Es steht dem Chronisten, der lange Jahre mit Hingabe der GGZ verbunden war, nicht zu, ein abwägendes Urteil zu fallen.

    
  
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